Fränkische Landeszeitung - 18.4.2011
Thomas Wirth
Kerniges Volkstheater mit Tiefgang
Uraufführung beim Zelttheater Comoedia Mundi in Trautskirchen:<br />„Aufstieg &amp; Fall der Stadt Passau&quot;: Wie man nach einer Katastrophe weiterlebt

TRAUTSKIRCHEN - In Passau haben sie wieder Strom. So wie früher, vor 1991, als alles noch in Ordnung schien. Jetzt flirrt die Luft vor Elektrizität. Passau leuchtet. Aber bald könnte es zappenduster werden. Für sehr lange. Was tun? Das Stück „Aufstieg & Fall der Stadt Passau" dreht sich um diese zentrale Frage: Wie geht es weiter, wenn nichts mehr geht? Am Samstag brachte das Zelttheater Comoedia Mundi das Stück in Trautskirchen, seinem Winterquartier, heraus. Eine Uraufführung, die es in sich hat.

Das Stück nach einem Roman von Carl Amery ist ein Endzeitstück. Also auch ein Anfangsstück: 2013, 22 Jahre nach einer verheerenden Seuche, sind die Menschen fast ausgerottet. Ein paar Zehntausend gibt es noch. Um Rosenheim herum leben die Rosmer als Selbstversorger. „Bauernfünfer" sagen die Passauer abschätzig zu ihnen. Vielleicht auch, weil sie nicht Hochdeutsch sprechen wie sie. Aber eher sind die Rosmer Jäger und Sammler. Sie ziehen meistens herum, um ihr Uberleben zu sichern. Lois Retzer und sein Ziehsohn Marte sind gerade in Passau angekommen. Sie sind neugierig auf die Lichter der Stadt - und entdecken eine fremde Welt.
Passau ist zu einem absolutistischen Stadtstaat geworden. Die Scheffin setzt auf den schönen Schein der Technik, auch wenn die mangels Ersatzteilen nicht mehr lange funktionieren wird. Mit Druck und Propaganda will sie weitermachen wie vor der Katastrophe, will Leute gewinnen. Das ist nichts für die freien Rosmer. Die probieren eine andere Art zu leben aus.
Mit dem Stück haben sich Theaterprinzipal Fabian Schwarz und das Comoedia-Mundi-Ensemble ein Drama für ihre mobile Bühne maßgeschneidert: die Gegenwart des Jahres 2013 fügt sich mit Erinnerungen einzelner Figuren und dem zukünftigen Geschehen, das Mönche 2112 in Form von Chroniken, Heldenerzählungen, rezitieren, zu einem reichhaltigen Episodendrama. Viel Denkstoff.
Die Inszenierung von Herbert Fischer, wie auch die Ausstattung von Claudia Kucharski, sieht aus, als setzte sie da an, wo der Roman spielt: in einer Zeit, in der sich aus den noch brauchbaren Resten einer Wohlstandsgesellschaft etwas Neues zusammensetzt. Mit Wenigem, ein paar Kulissenwänden, Licht und Musik, entstehen immer wieder einprägsame Bilder und Szenen. Mundartstück und Mysterienspiel, Kabarett und soziologische Science-Fiction, Fortschrittskritik und Öko-Utopie verschmelzen zu kernigem Volkstheater mit Tiefgang.
Die Szenen, die Handlungsfragmente setzt Fischer ruhig und achtsam nacheinander hin und bringt Pathos und Parodie in Balance. Die Mönchsgesänge zum Harmonium (Musik und atmosphärische HIangcollagen: Robert Stephan) schlagen, nicht ohne Ironie, einen Grundton fern aller Zeiten an. Die Auftritte der Stadtfürstin sind knallige Polit-Satire, die Erinnerungsmonologe intensive Portraits.
Julia Hell meistert Gegensätze, ist die altjüngferliche Helferin der Scheffin und eine flotte Städterin, die einer vernutzten Operettenarie noch einmal so etwas wie Liebe abgewinnt. Loes Snijders karikiert ihre Scheffin mit großen Gesten, zeigt aber auch ihre Verletzungen, ihre Traumata. Die Sympathien der Inszenierung liegen bei den Rosmer. Fabian Schwarz und Rafael Oliveira stellen da zwei blutvolle Mundart-Figuren hin.
Keine Spur von Komödienstadl, sondern ehrliche, naturverbundene, glaubhafte Kerle. Rafael Oliveiras Marte ist ein wunderbarer Kaspar-Hauser-Typ: arglos, schüchtern, herzlich, verzweifelt, verliebt.  Und Fabian Schwarz spielt seinen Lois als einen Weisen voller Wärme und Menschlichkeit - eine große bayerische Seele, der man am Ende hinterhertrauert, wenn ein schamanischer Gesang sie auf ihrer letzten Reise begleitet.  







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