Mittelbayerische Zeitung - 27.08.2011
(Ulrich Kleber)
Zurückgeworfen in die Steinzeit
Das Zelttheater Comoedia Mundi zeigt die beklemmende Zukunftsvision „Aufstieg und Fall der Stadt Passau“ nach dem Roman von Carl Amery.<br />Beflissene Rückkehr zur zivilisierten Lebensart: <br />Packendes Spiel mit komischen Augenblicken

Wie sieht es aus nach einer gewaltigen Katastrophe, die fast alle Menschen dahingerafft hat? Nur ein paar Überlebende vegetieren noch dahin. Die einen in den Ruinen von Passau, wo es noch kümmerliche zivilisatorische Reste gibt wie Konservendosen, Weinflaschen und sogar noch Elektrizität, wenngleich die Stromversorgung mangels Ersatzteilen vor dem Zusammenbruch steht. Die andere Gruppe haust in Rosenheim, zurückgeworfen auf den archaischen Entwicklungsstand der Steinzeit. Man lebt vom Fischfang und von der Jagd. Und weil die Patronen für die letzten Gewehre ausgehen, greift man auch zu Pfeil und Bogen.

1975 hat Carl Amery den düsteren Science-Fiction-Roman „Der Untergang der Stadt Passau“ geschrieben. Drei Zeitebenen gibt es darin. Als Jahr der Apokalypse hatte Amery 1991 gewählt, die eigentliche Handlung spielt 2013. Und dann gibt es noch einen Ausblick auf das Jahr 2112, wo immerhin der Stand der mittelalterlichen Mönchskultur wieder erreicht zu sein scheint.

Amery, der große Mahner, Gesellschaftskritiker und Umweltaktivist, lässt keinen Zweifel daran, welchem Konzept seine Sympathie gehört. Nicht den Passauern, die möglichst viel vom status quo ante retten wollen, nämlich alte Machtstrukturen, Ausbeutung, Bürokratie, aber auch allerlei Pomp und Firlefanz. Die Rosenheimer „Bauernfünfer“ lässt Amery bei ihrem Weg zurück zu den Wurzeln eine Art Basisdemokratie oder Urchristengemeinde bilden.

Comoedia Mundi hat nun eine Bühnenfassung des Romans erarbeitet. Wer das Zelttheater am Grieser Spitz besucht, erlebt keine leichte sommerliche Unterhaltung, sondern ein nachdenkliches, packendes, unter die Haut gehendes Spiel, bei dem es aber durchaus komische und satirische Elemente gibt. Regie geführt hat Herbert Fischer, der einst in Bochum zum Zadek-Ensemble gehörte. Fast moritatenhaft – in einem Bilderbogen aus 24 Einzelszenen – zeigt er das Geschehen. Er verlässt sich ganz auf die Stärke des Textes. Ganz verhalten ist das Tempo, es gibt keine inszenatorischen Mätzchen, keine Anlehnung an die überdrehte Ästhetik der Science-Fiction-Filme.

Einem fabelhaften Darsteller-Quintett ist es zu verdanken, dass dieses bewusst karge Konzept aufgeht. Vor allem in den Monologen und Rückblenden, wenn die Schreckenszeit beschworen wird, gibt es Momente höchster Intensität. Bewundernswert die Leistung von Loes Snijders, fast schrill gibt sie die machtgierige „Scheffin“ des Passauer Operettenstaates, findet aber auch immer wieder innige und ergreifende Worte, etwa bei der Erinnerung an die Flucht. Und sie kann ihren Wandlungsreichtum ausspielen, schlüpft sie doch in eine ganze Reihe von weiteren Rollen – ist der geschäftige Metzger, der letzte Reste aus Konservendosen kratzt, dann auch der ungarische Krieger, der eine anrührende Totenklage anstimmt.
Sympathiefiguren sind die beiden Rosenheimer: der bedächtige Lois (Fabian Schwarz) und der naive staunende Marte (Rafael Luca Oliveira). Julia Hell und Robert Stephan – auch sie sehr überzeugend – komplettieren den Passauer Hofstaat.

Aller Respekt für den Mut von Comoedia Mundi, sich dieses schwierigen „Öko-Thrillers“ angenommen zu haben. Und höchst verdienstvoll ist es, dass man Carl Amery neue Aufmerksamkeit zukommen lässt. Denn sechs Jahre nach dem Tod des Autors ist es leider schon sehr still geworden um sein Werk.


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