FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung - 3.7. 2008
(Jürgen Richter)
Gesellschaft unterm Galgenstrick
Comoedia Mundi gibt  "Bettleroper" im Theaterzelt am Main

Dass Polly heimlich geheiratet hat, macht ihre Eltern keineswegs glücklich. Zwar ist Macheath als Geschäftsmann ein standesgemäßer Schwiegersohn, doch da er in seinem Ein-Euro-Shop mit Waren aus fremder Quelle handelt, steht er deren eigenen Absatzinteressen im Weg. In John Gays „Bettleroper" wird der Parvenü und Schürzenheld verhaftet und verurteilt - nicht für seine Diebes- und Hehlergeschäfte, sondern für einen untergeschobenen Mord. Im halbseidenen Milieu, in dem der Galgenstrick über dem Schauplatz schwebt wie der Kronleuchter über dem Salon der gutbürgerlichen Parallelgesellschaft, herrschen Rechtsnorm und Ehrenkodex wie auf der legalen Ebene.
In der Inszenierung von Herbert Fischer mit der Comoedia Mundi, zurzeit im Zelttheater am Mainufer vor dem Filmmuseum zu Gast, kommt die Originalfassung aus dem 18. Jahrhundert mit dezenten Reminiszenzen aus der Brecht-WeillFassung und aktuellen Einschüben zu neuem Bühnenruhm.
Die Parabel vom mit der Unterwelt paktierenden Staat bleibt freilich ohne Hinweis auf die gegenwärtige Gültigkeit solcher Praktiken. Verhandlungen um Anteile, Kredite oder Marktstrategien mögen genügen als Anspielung auf nicht überwundenes Komplizentum zwischen legalen und illegalen Branchen.
Das Zelttheater-Ensemble will es jedoch augenscheinlich nicht übertreiben mit der Politisierung des Stoffs. Es findet nach spielerischer Etablierung der erst nur schwer nachvollziehbaren Beziehungs- und Handlungsstränge zu einem pittoresken Genrebild, in dem sich Felix Decker, Katrin Filzen, Tajana Prka, Loes Snijders und Fabian Schwarz in naiver wie pathetischer Mimik ausleben und ihr karikierendes Potential effektvoll ausspielen. Als Verbeugung vor dem Agitationstheater bleiben deklamatorische Einschübe wie „Die Welt hat nichts gegen erfolgreiche Verbrecher” erhalten und bremsen eher die despektierliche Dynamik. Stefan Grasse mit der Gitarre und Dagmar Raum mit dem Akkordeon verweisen mit Musikzitaten über verschiedene Epochen und Kulturen hinweg auf die allgemeine Gültigkeit dieser Erkenntnis.

Weitere Vorstellungen am 3. Juli, vom 22. bis 25. Juli und vom 5. bis 9. August um 20 Uhr 30.


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