Fränkische Landeszeitung - 23.01.2006
(D.G.)
Künstler begeistern Publikum

NEUSTADT - Das Chanson gilt als witzig frecher Gesang der Kabarettisten, als eine Gattung vorwiegend des französischen Kulturkreises. Interpreten wie Charles Aznavour, Georges Brassens, die Mistinguette oder Juliette Greco haben seinen Weltruhm begründet. Eher ein Außenseiter dieser Szene war Boris Vian (1920-1959), ein ziemlich schräger Vogel, der sich als Ingenieur, Romancier, Lyriker und wohl auch Jazztrompeter versuchte. Seine Texte sind provokant, stets geistreich, aber oft in der Nähe des absoluten Nonsens.
Ein Beispiel: Marie France, 20, heiratet einen Steuerprüfer, langweilt sich, geht mit einem Schwimmlehrer fremd, dem Steuerprüfer ist das egal, und Marie-France beschließt, sich zum Mann umbauen zu lassen. Ganz schön mutig von Loes Snijders, im holländischen Heerlen geboren und in Geldrop aufgewachsen, vier Kilometer von van Goghs Geburtsort Nunen entfernt, (fast) einen ganzen Abend mit Texten dieses Strickmusters zu gestalten. Aber sie schafft es spielend und spielerisch, in immer wieder neue Rollen zu schlüpfen und sich immer wieder neu zu erfinden.
So ist sie bald Snob - „ein harter Job" -, bald Waffenhändler, bald Männerjägerin, bald die frustrierte Tusse, die sich im Bett in Kinofilme träumt. Am überzeugendsten sind die Chansons, in denen sich Vian als kompromissloser Pazifist gibt, in dem Brief eines Deserteurs an den Präsidenten der Republik oder wenn er ein Denkmal für die im Krieg umgekommenen Kinder fordert. Zum Schluss wurde es richtig poetisch, als Loes Snijders von erster Liebe sang und von dem Quadratmeter einer Pariser Straße, den sie erwarb, um darauf rote Tomaten anzubauen. Lang anhaltender Applaus wurde mit zwei Zugaben belohnt.
Ganz nebenbei erfuhr das Publikum, dass die Interpretin tags zuvor beim Chanson-Wettbewerb in Köln den  Preis der Jury errungen hatte: Keine Frage, sie ist in diesem Fach eine der Großen, ungeheuer präsent und ausdrucksstark, gelegentlich geradezu suggestiv verzaubernd. Ebenso erstklassig ihr Pianist und Gitarrist Jürgen Mayer, auf beiden Instrumenten ein einfühlsamer, origineller und technisch perfekter Begleiter. Er war tags zuvor Vater eines zweiten Sohnes geworden. Über den Namen denkt er noch nach. Ein Vorschlag: Wie wäre es mit Boris?    

JETZT Spenden

Newsletter abonnieren

Das Frankfurt-Programm ist online!

Nachdem wir 2019 nicht in Regensburg...

©2017 COMOEDIA MUNDI e.V, 90619 Trautskichen