Frankfurter Allgemeine Zeitung - 03.06.2000
(Claudia Schülke)
Kunst der Verwandlung
Gastspiel der "Comoedia Mundi":

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von den zwei ungleichen Brüdern: dem armen Waldarbeiter Ali Baba, der einen Räuberschatz im Berg entdeckt, und dem reichen Kaufmann Kasim, der ihm das Geheimnis abzwingt und dann das Codewort zum Öffnen des Felsens vergisst. So allerdings wie Loes Snijders und Moise Schmidt die Geschichte der "270. Nacht" von 1000 Nächten und einer erzählen, hat sie bisher kaum jemand gehört. Um es gleich vor wegzusagen: Wer sich in anderen Theatern langweilt, sollte sich ans Museumsufer begeben, wo sich die freie Schauspieltruppe "Comoedia Mundi" samt Caféwagen und Biergarten unterhalb des Architekturmuseums niedergelassen hat.

Hier, beim Tangente-Festival, können Liebhaber bis zum 8. Juli erleben, was Theater eigentlich ist: Phantasie und Lebensfreude.

Und das ohne Bühnenbild, orientalischen, Prunk oder westlich stilisierter Designer-Askese. Fast die einzigen Hilfsmittel sind die Personen: zwei Erzähler, die sich zugleich in sämtliche Rollen versetzen, und zwei Musiker, die E-Piano, Klarinette, Perkussion und Gitarre bedienen. Zu ihren Füßen liegen weitere Instrumente wie Klarina, Schellen, Posaune: Requisiten für die beiden musikalischen Schauspieler.

Kostümbildnerin Joelle Clerc hat Schmidt in einen blauen und Snijders in einen roten Pumphosen-Overall gesteckt, mit allerlei verborgenen Reißverschlüssen und umkehrbaren Gürteln, je nach Bedarf für einen schillernden Basarhändler, einen bestechlichen Schneider oder eine umsichtige Sklavin wie Mardschana. Ein Tüchlein um die Hüfte verwandelt den Schauspieler in Kasims neidische Gattin, eine perlenbestickte Weste deutet den Schatz an, und ein Schlitz in der Overall-Brust der Aktrice lässt die goldenen Brüste der tanzenden Mardschana aufblitzen.
So einfach und vielgestaltig kann Theater sein. In der Kunst der Verwandlung brilliert vor allem Loes Snijders: Ob als Mardschana, Räuberhauptmann oder Kasim, immer findet sie den passenden, oft ein wenig karikierenden Ausdruck. Etwa, wenn Kasim in einen Raptus aus Goldgier und Neid verfällt oder wenn sich der Räuberhauptmann von Ali Babas Großmut übertölpelt fühlt. Auch elegische Töne klingen an mit der Klage um Kasim und dem Danklied der freigelassenen Sklavin. Nicht ganz so ausgelassen konnte sich Schmidt durch die Rollen tummeln: Seinen omnipräsenten Ali Baba wurde er selten los. Als solcher allerdings ist er seiner multimutablen Kollegin ein ebenbürtiger Partner, und beide sind für ernüchterte Theaterfans wie ein Trostpflaster von Thalia.


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