Mittelbayerische Zeitung - 2002.05.25
(Susanne Wiedamann)
Neid als Körperweh
"Comoedia mundi" bezaubert mit "270. Nacht"

REGENSBURG (mms). Das Erlebnis ist wahrhaft herzerfrischend. In einer Zeit, da jeder Dödel aus seinem bescheidenen Vermögen eine prunkende Home-Page bosselt, ist es fast schon anachronistisch bezaubernd, wenn eine zahlenmäßig kleine Truppe mit null Schnickschnack antritt, allein auf ihr künstlerisches Handwerk vertrauend. Das Zelttheater "Comoedia mundi" gastiert derzeit auf dem Rock-Zipfel und hatte am Donnerstag Premiere mit einer originellen Version von "Ali Baba und die 40 Räuber" aus der 270. Nacht der bekannten 1001 Nächte.
Wir haben es hier nur mit einem musikalischen Duo zu tun. Jürgen Mayer (Gitarre, Piano, Klarinette) und Manu Büttner (Oboe, Schlagzeug) machen den Sound, der ganz ohne Kulissen eine orientalische Welt erschafft. Sowie mit den beiden Akteuren Loes Snijders und Moise Schmidt. In einer lebendigen Mixtur aus Erzählung und Darstellung zaubern die zwei - er blau gekleidet, sie rot - eine Ausstellung menschlicher Leidenschaften auf die Bühne: Liebe, Gier, Mord, Rache, Intrigen und Verrat.
Dabei ziehen die beiden alle darstellerischen und akustischen Register: vom Kanon über den Chor bis zur Mundtrompete, von der Pantomime bis zum Tanz. Beide sind darstellerisch perfekt und wenn man sich an die Kargheit der Szene gewöhnt hat, entdeckt man schnell die Freude an der ursprünglichen Naivität dieser Jahrmarkts-Performance. Mit winzigen Utensilien wechseln sie fortwährend die Rollen, ein Umdrehen des Gürtels verwandelt Ali Baba in einen Räuber, ein mit Edelsteinen besetztes Jäckchen macht ihn stinkreich.
Wann hätte man schon einmal solcherart gekonnt den blanken Neid als körperliches Erlebnis gesehen? Die beiden krümmen sich wie Moriskentänzer unter dem Schmerz des Reichtums, der anderen gehört. Auch die Folgen allzu heftigen Alkoholkonsums zeigt Fräulein Snijders (mit leichten Anflügen eines niedlichen holländischen Akzents) ganz ohne Weingeist völlig realistisch. Als Ali Baba genüsslich in den ihm so unvermittelt zugefallenen Schätzen wühlt, geht er alsdann ins Publikum, um in den Haaren einer hübschen jungen Dame weiterzuwühlen. Da weiß doch jeder gleich, was gemeint ist, nicht wahr? Köstlich, wie Loes Snijders in Gestalt eines geilen Apothekers ihre lüsterne Zunge sprechen läßt.
Natürlich haben die zwei auch ein paar heftige Gags eingebaut, vom "Samsonite, öffne dich!" bis zum Elvis-Zitat, aber unterm Zeltdach ist das keineswegs fehl am Platze. Die nächsten Aufführungstermine sind: Samstag, 26. und Sonntag, 27. Juni, Donnerstag, 31. Juni, Freitag, 1. Juli, Samstag, 2. Juli und Sonntag, 3. Juli, jeweils um 20 Uhr. Hingehen!

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