ERLANGER NACHRICHTEN - 07.10. 2020
(Manfred Koch)
Die Kreatur wird Mensch
Das „Comoedia Mundi“-Ensemble zeigt „Frankenstein" im Theaterzelt an der Schwabachanlage

ERLANGEN — Ja, ja, schon klar, von wegen Schauerromantik und so, Boris Karloff mit seiner Ungeheuer- Visage und seinem Elektroden-Hals, killt sich sabbernd durch die Lande, und das alles ohne Arg und Absicht, währenddessen das Gewitter tobt und die Blitze zucken.

Halt! Stopp! Natürlich ist das auch Mary Shelley, aber eben nur zu einem kleinen Teil, zugegeben: dem spektakulärsten. Aber Shelleys Roman ist um einiges dicker als die legendäre 1931er-Verfilmung lang, und deshalb fällt hier wie auch in den meisten anderen Adaptionen vieles durch den Rost. Eigentlich sogar das Wichtigste.

Aber vor allem dieses präsentiert das „Comoedia Mundi“-Ensemble in seiner „Frankenstein“-Fassung, die es derzeit im beheizten Theaterzelt an der Schwabachanlage zeigt: Hier wandelt nicht eine monströse Mordlust-Kreatur durch die Gegend, hier entwickelt sich ein durch ein grausiges Experiment entstandener Homunculus zu einem Homo sapiens mit Sinn und Verstand, zu einem wahren Menschen, der ein soziales Wesen sein will und als solches mitfühlende Wärme und Zuneigung sucht. Jedoch, wie man nur allzu gut weil, die Verhältnisse, die sind nicht so.

Regisseurin Loes Snijders, die auch, nur mit wenigen Accessoires, wie einer Glatzenperücke, ausgestattet, die Kreatur spielt, inszeniert die Geschichte konsequent auf dieses Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit hin. Seit seiner „Geburt“, bei der es, ziemlich unheimlich, aus einer überdimensionierten „Gebärmutter“ herausfällt, trifft das noch orientierungslose, aber permanent lernende Wesen auf Ablehnung. Die so bekannte wie beliebte Episodenhaftigkeit der Geschichte wird auch hier in kurzen Szenen auf die Bühne gebracht, aber gänzlich ohne schauer-romantische Schnörkel. Der Kammerspiel-Gestus mit seinen von der Decke baumelnden Seilen, die flugs zu diversesten Accessoires verknotet werden können, verbreitet vielmehr Werkstattcharakter-Flair, verknappt, aufgeräumt, jeglicher Sensationsgier entkleidet.

Das Geschöpf wendet sich schließlich gegen seinen Schöpfer, der seine Menschlichkeit längst seinem Egozentrismus geopfert hat. So weit, so original. Doch „Comoedia Mundi“-Chef Fabian Schwarz, auch als Viktor Frankenstein zu sehen, versieht seine Spielfassung zusätzlich mit Zeitgeistigem: Mary Shelley, die Autorin der Romanvorlage, schaltet sich immer wieder ins Spiel ein und klopft den Plot auf heutiges Empfinden ab, das Ende wird gar feministisch umgeschrieben.

Wurde schon gesagt, dass Musik und Soundgestaltung exzellent sind? Robert Stephan hat in diesem seinem Metier Beeindruckendes geleistet. So bleibt der starke Eindruck hinsichtlich eines allseits bekannten Plots, der, überlegt angegangen, immer noch Spannung entwickeln kann.

 

 

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