FRANKFURTER RUNDSCHAU - 28.06. 2019
(Marcus Hladek)
In Konkurrenz zu Gott
Comoedia Mundi zeigt am Mainufer einen kammerspielartigen "Frankenstein"

Ellen Moers' feministische Deutung des weltberühmten Romans "Frankenstein oder der Neue Prometheus" (1818) legte die Erschaffung des Monsters als Geburtsmythos aus: Mary Shelleys literarische Reaktion auf den Tod ihrer Mutter durch Marys eigene Geburt, aber auch auf den Umstand, dass Mary ihrerseits kurz vor Niederschrifft ihr erstes Kind von Percy Bysshe Shelley verloren hatte. Wie plausibel diese Interpretation auch sein mag, setzt Loes Snijders (Regie und Monstrum) die Entstehung des Monsters nun in einem Zelt am Schaumainkai, nahe des Frankfurter Filmrnuseums, jedenfalls in der Tat als Geburt um: aus einer an Seil und Haken aufgehängten, künstlichen Gebärmutter, ingehüllt in Bandagen nebst Glatzen-Kappe.

Die Bühne auf dem Podest bedient sich dreizehn hängender Seile mit Turnhallen-Flair, die im Wechsel der Szenen rasch zu Bäumen und derlei umgeknotet sind, und einer Gartenschaukel, Empirekleidchen, Gehrock und Frack nebst Zylindern und Sonnenschirm sowie zeitlosere Kostüme (Camille Schwarz) historisieren die Handlung atmosphäiisch. Nur die als Figur auftretende Autorin (Iken Marei Sturm) trägt zeitlosmoderne Lederstiefel zum Hosenrock. Klanglich stehen jazzig-perkussive Stücke oder Klassik neben Naturgeräuschen von Blitz und Donner bis zum Vogelzwitschem (Robert Stephan).

In Zeiten wie heute, da das neue Crispr-Verfahren unserer Gentechniker alles Erbgut zur rasant manipulierten Schrift macht, Zellen mal eben komplett synthetische Zellkerne verpasst bekommen und in geheimen Laboren Menschenzucht stattfinden könnte, ist der schwarzromantische Science-fiction-Thrill des blasphemischen Lebenschaffens in Konkurrenz zu Gott vielleicht verbraucht - oder noch aktueller. Hartnäckiger ist und bleibt das Spiel der Affekte und radikalen Ideen, das die Autorin 1816, während ihres legendären Schreiburlaubs am Genfer See mit Shelley, Lord Byron und John Polidori, bei nassem Jahrhundertwetter zum Gegenstand ihres "Frankenstein" machte.

An Snijdes Regie und dem aufgeräumten Kammerspielstil ohne Feuerzauber und Straßenakrobatik gefällt, dass diese Umsetzung des "Comoedia Mundi"-
Ensembles die Emotion und Menschlichkeit aus der Schreib- und Lebenssituation durch die Schauerromantik blitzen lässt.

Mary Shelley und Viktors Braut sitzen folgerichtig Rücken am Rücken am selben Baum aus Tauen und lesen sich fingierte, unglückliche Liebesbriefe an ihre und von ihren Lovern vor. Und dem Duell Frankensteins mit der Kreatur steht die Kollision der Autorin Mary Shelley mit ihrem literarischen Geschöpf Frankenstein
gegenüber, der sich seine Autorin am liebsten unterjochen möchte:
bizarre Spiegeteffekte, wie sie denn doch wieder zum Schauder à la Gothic passen würden.

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Nachricht vom 05.11.2019

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