MITTELBAYERISCHE ZEITUNG - 24.08. 2020
(Michael Scheiner)
Mitleid mit einsamer Kreatur
Im großartig gespielten Stück „Frankenstein“ von Comoedia Mundi sucht eine künstlich geschaffene Kreatur nach der Liebe.

Regensburg. Es gibt diese Szene im großartigen Science-Fiction-Film Blade Runner‘, in welcher der künstlich geschaffene Roy, ein sogenannter Replikant, mit seinem Verfolger, dem Polizisten Rick Deckard, darauf pocht als menschliches Wesen mit Rechten anerkannt zu werden. Das ethische Dilemma, welches darin zum Vorschein kommt, befeuert aktuell die Diskussion über Künstliche Intelligenz und prägt auch eine entscheidende Szene im Theaterstück „Frankenstein“.
Als das gehetzte Wesen, das der Wissenschaftler Viktor Frankenstein aus toten Körpern geformt und zum Leben erweckt hat, nach langer Suche auf seinen genialen Schöpfer trifft,  verlangt es, dass ihm dieser eine Frau erschafft. Doch der verweigert den Wunsch. "Du hast kein Recht darauf", wirft ihm Frankenstein (Fabian Schwarz) an den Kopf, „denn du bist mein Produkt!“. Als solches könne er es auch töten, ist der selbstgerechte Mediziner überzeugt, weil es auch seinen achtjährigen Neffen William getötet habe. Das geschah zwar aus Versehen, doch das interessiert den Oheim wenig."Ich will doch nur Liebe", fleht die Kreatur seinen ungnädigen Schöpfer an, "wie jeder gute Mensch‘"

Schließlich gibt dieser nach, als ihm sein Geschöpf vorhält: "Wenn ich ein Mörder bin, dann bist du dafür verantwortlich". Damit hofft sich Frankenstein von der eigenen Schuld reinzuwaschen. Während den Vorbereitungen zur Erschaffung eines weiblichen Wesens, "das natürlich viel schöner" sein soll, kommen ihm Zweifel. Frankenstein kneift und bricht sein Versprechen. Überhastet reist er von Schottland zurück nach Genf und heiratet seine Verlobte Elisabeth.

Kurz darauf wird diese von der Kreatur im rasenden Zorn über den neuerlichen Verrat seines Schöpfers getötet. Mit dessen Methoden und viel Elektrizität wieder zum Leben erweckt, wendet sich die Wiedergeborene dem hässlichen Wesen, ihrem Mörder, zu. In einem ironisch-romantischen Schlussbild schaukelt das frisch gebackene Pärchen ins kitschige Glück.
Im  Zelttheater  Comoedia Mundi, das an seinem Stammplatz am Grieser Spitz gastiert, steht die Geschichte von der Kreatur (Loes Snijders), die durch die Ablehnung, den  Hass  und die  Verfolgung durch Menschen dazu gebracht wird, böse zu sein, bis Mitte September auf dem Spielplan. Mit nur vier Schauspielern hat Snijders, die auch Regie führt, das Stück in einer beeindruckenden Inszenierung auf die Bühne gebracht. Dafür wurde die vielfach verfilmte und gelegentlich auch verhunzte, schaurige-schöne Erzählung der jungen Britin Mary Shelley von 1818 von Fabian Schwarz bearbeitet und dramatisiert.

Mit starken Seilen, aus welchen vom Wald über einen Marktplatz bis hin zum Brunnen von Szene zu Szene neue Bilder geformt werden, öffnen sich vielfältige Imaginationsräume. Bis auf  Snijders,  die der Kreatur ohne eigenen Namen mit bemerkenswerter Hingabe und starkem Ausdruck Leben einhaucht, spielen alle Beteiligten mehrere Rollen. Das machen vor allem die beiden jüngeren Schauspielerinnen Christina Schmideder und Iken Marei Sturm mit derartigem mimischen und körperlichem Einsatz, dass die unterschiedlichen Charaktere völlig eigenständig erschienen.

Ein gelungenen Kniff ist es, die Autorin Mary Shelley (Iken M. Sturm) als Erzählerin und Akteurin ins Stück einzuführen, was der damals beliebten Form des Briefromans nahekommt. Durch die starke Mimik der Spielenden, eine düster-schöne Lichtregie mit Blitz und Donner  und eine wirkungsvolle Geräusche-Musik-Kulisse ergibt sich eine starke Spannung, die bis zum Schluss trägt und Corona-bedingte Einschränkungen vergessen lässt...

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