Frankfurter Rundschau - 01-06-1997
(Judith von Sternburg)
Gefahr im Vers
Die Comoedia Mundi spielt eine Art ,,Tartuffe" am Mainufer

Alte Theaterhasen finden es bekanntlich gefährlich, wenn auf der Bühne von Langeweile die Rede ist. Ein schlechtgelauntes Publikum hat wohlfeile Gelegenheit, höhnisch beizupflichten. Der böswillige Krritiker gar hält ein Zitat in den Fingern, mit dem er die Spieler mittels eines zugegebenermaßen nicht besonders originellen rhetorischen Kniffs blamieren kann.
,,Das ist ja todlangweilig", schimpft ein lebhafter Mensch namens Hans in der jüngsten Produktion der Comoedia Mundi. Weil das nämlich alles ,,Meta-Theater" sei. Und es ist in der Tat alles Metatheater. Was für ein Risiko also. Das Premierenpublikum war jedoch viel zu wohl-gesonnen, um den Akteuren daraus einen Strick zu drehen. ,,Tartuffe oder Die Betrüger" im Zeltlein am Mainufer ist auch nicht langweilig. Eher ein bisschen harmlos.
Warum aber sagt Hans so unnette Dinge? Weil er der Miesepeter einer kleinen Schauspieltruppe ist, die eben erfahren hat, dass sie am Abend nicht wie geplant und geprobt Molieres Stück vom hanebüchenen Heuchler in einer offenbar prickelnden Neuübersetzung spielen darf Die sympathische Regisseurin Cecile wird, inspiriert vom ,,Stegreifspiel in Versailles" desselben Autoren, im folgenden versuchen, die Mitspieler in Stimmung und auf neue Ideen zu bringen. Das fällt ihr schwer. Alle sind unheimlich schlechter Laune. Nachdem sie sich einige Zeit
ziemlich aufgeregt haben - Hans mehr als alle anderen zusammen, Hans ist klasse -, fangen sie an, doch etwas Theater zu spielen. Da der Verstext ihnen verboten ist, machen sie das pantomimisch, in ihren diversen Muttersprachen oder einfach in Prosa.
Zwischendurch erklären sie, worum es überhaupt geht. Von der bösen Kritik am Betrüger im Gewande des religiösen Märtyrers - und am reichen Bürger, der dumm genug ist, ihm zu glauben - war der Sonnenkönig gar nicht amüsiert. Nach einer Vorstellung ließ er, von der ihn umgebenden Kirchlichkeit aufgehetzt, den ,,Tartuffe" absetzen - die witzigste Szene des Abends präsentiert Louis als Marionette. Es ist eben schon immer eine bittere Sache gewesen, dass diejenigen, die etwas können oder wenigstens versuchen (was auch immer) - die Autoren, Regisseure und Schauspieler -, erst von denen dazu das Recht bekommen, die nichts können und auch nichts versuchen, sondern einfach nur hingucken - den zahlenden Gästen königlicher und bürgerlicher Herkunft.
Am Ende gibt es ausgezeichnete Gesangsnummern. Und es kann, wer will, noch bleiben und ein Hefeweizen oder so am Ufer des glitzernden Mains trinken. Das ist wirklich was Schönes.

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