Nürnberger Nachrichten
(Claudia Schuller)
Immer schön provokant
Gelungene "Bettleroper" beim Zelttheater Comoedia Mundi

Arbeitslose Gäste hatten bei der "Bettleroper" der Comoedia Mundi die Wahl zwischen verschiedenen Jobs: Einen Ein-Euro-Laden eröffnen oder als ausgebildeter Bettler professionell Mitleid erregen. Die Darsteller versuchten wortgewaltig, ihre zwielichtigen Angebote unters Volk zu bringen, wobei John Gays berühmte Satire sich im Zirkuszelt auf der Wöhrder Wiese als erstaunlich aktuell erwies.
Loes Snijders aus den Niederlanden gab Bettlerkönig Peachum so hart und erbarmungslos, dass man sie zunächst gar nicht als weiblich erkannte. Kalt setzte sie den Armen das Messer auf die Brust, für sie hausieren zu gehen und drangsalierte Tochter Polly (kess: Tajana Prka aus Kroatien) so lange, bis die ihre Liebe zu Macheath vergaß. Felix Decker spielte den Einbrecher-Chef jugendlich-lässig und mit einem gewissen Hang zum Fatalismus nach dem Motto: In dieser Welt habe ich ohnehin keine Chance. Dennoch hing er schlussendlich nicht an dem Galgen, der das Bühnenbild dominierte, sondern kam dank Tricksereien glimpflich davon.
Das Regiekonzept von Herbert Fischer fußte auf zwei Säulen: auf der originalen Gay-Vorlage und auf Brechts "Dreigroschenroman". Seine "Dreigroschenoper" lag allenfalls unsichtbar im Hintergrund. Im Fokus standen zynische, gebrochene Figuren, die zwangsläufig in die Kriminalität abrutschen mussten und dadurch innerlich vergiftet wurden.
Schön böse auch die Umrahmung von Stefan Grasse (Gitarre) und Dagmar Raum (Akkordeon). Sie mixten Barockmusik, die traurig-monoton klang, mit den bekannten Schlagern von Kurt Weill. Als erstaunlich stimmige Ergänzung traten Songs der "Tiger Lillies" dazu, die zwischen komödiantisch-tragisch und distanziert-ironisch changierten. Im Falsett ging es da um Prostitution, Mord, perverse Phantasien und Schmutz. Immer schön provokant - das war der Leitfaden der gelungen schrägen Premiere, die die Substanz der "Bettleroper" geschickt ins Heute übertrug und gar nicht erst den Fehler beging, zu sehr an Brecht und den 1920er Jahren zu kleben.

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