Nürnberger Nachrichten - 19.09.2000
(Wolfgang Zimmermann)
Episches Musiktheater mit anarchischem Witz
Partnerschaftsverein Beaufieu-Scheinfeld vermittelte einen Chansonabend im Schloss <br />Loes Snijders und Jürgen Mayer präsentieren eine Gallionsfigur der französischen Linken: Boris Vian <br /><br />

SCHEINFELD - Der Ingenieur und Franzose Boris Vian (1920 - 1959) war, aus Berufung Schriftsteller, Jazztrompeter und manch anderes. Seine Romane galten als "Pornokrimis"; in den beiden letzten Jahren seines kurzen Lebens verfasste er rund 500 Chansons. Vians Frau Michelle war mit Jean-Paul Sartre bis zu dessen Tod liiert - sozusagen ,Jean-Sol Partre", dem Protagonisten aus Vians Schlüsselroman "Der Schaum der Tage". Damit war es "aus mit dem Existentialismus", so Snijders über Vian, der rund zwanzig Jahre später zu einem Liebling der Studentenbewegung wurde - vielleicht ein posthumes Missverständnis mancher, die dort den Ton angaben.

War Vian eben kein witzloser, dogmatischer Ideologe, sondern ein Gebrochener, ein Anarchist, Pessimist, zynischer, trauriger Voyeur des Alltags, so wurden auch manche Erwartungen, an einen typischen Chansonabend enttäuscht. Der Partnerschaftsverein Beaulieu-Scheinfeld hatte Loes Snijders, die in den Niederlanden gebürtige Sängerin, die vom Theater kommt, und Jürgen Mayer, der in Würzburg lehrt, als ihren Kompagnon auf Gitarre und Klavier in den Großen Ahnensaal des Schlosses Schwarzenberg geladen.
Snijders, die ihren Akzent und ihre nuschelnde Grammatik ganz selbstverständlich ins Konzept integriert, führt in die im Original gesungenen Lieder ein. Weitaus entscheidender aber: Sie gestaltet den Abend zu einer ziemlich bösen und schamlos witzigen Kabarettnummer aus der trockenen, hintergründigen Distanz des epischen Theaters. Snijders stellt sich neben ihre Piecen statt sie zu verkörpern; sie ist nicht Männer mordendes Monster, sondern Clown, wenn verrucht, so nur ironisch; sie zeigt nicht Körperlichkeit, sondern verspottet diejenigen, die sich einer solchen rühmen oder von ihr profitieren.

Dies geschieht zweifellos aus dem Geist vieler Chansons des Abends. Es geht schon auch um die fröhlichen Schlächter im Schlachthof und diejenigen im Kriegsministerium, es wird das Monument der Kriegsgewinnler besungen und wie bei Brecht sind die Kanonen bald ausverkauft. Aber bezeichnender ist doch die Geschichte von der Frau Marie France, die den Finanzbeamten heiratet, der sich in den Sportlehrer verliebt. Was bleibt dieser Frau anderes übrig, als ihr Geschlecht umwandeln zu lassen - ein seltsam französisches Sujet in seiner grotesken, ja surrealen Zuspitzung. Das Sexuelle wird so beißend materialisiert, wie wir es bei Karl Krolow oder später bei Elfriede Jelinek finden.

Snijders liest entsprechende Prosapassagen Vians vor und kündigt an, dass sich alles noch steigern werde; Mayer klimpert dazu schüchtern J. S. Bach. Man kann sich schütteln vor Lachen, ansonsten vergeht einem die Lust.
Snijders sollte ihre fraulichen Stimmqualitäten dennoch nicht zu oft unterdrücken-, vielfach erweist sich das dunkle, unterkühlte, männliche Timbre als wenig tragfähig und zu monochrom. Während der Gitarrist Mayer sich zurückhält, dominiert der Pianist Mayer nicht selten unangemessen; sein manchmal südamerikanisch gefärbtes, manchmal, neoklassizistisches, vorwiegend vom Swing geprägtes Klavierspiel erscheint weniger doppelbödig und gebrochen als der Gesamteindruck der Interpretationen.
Es mag aber sein, dass dies alles Absicht ist im Sinne einer dialektischen Verfremdung. Mayer stellt überdies einen perfekten Conférencepartner der Snijders dar - als ihr verklemmter Apportierhund und vor dem Publikum errötender und stammelnder Pausenfüller. Wie die beiden einander die Bälle zuspielen, kann nicht aus reiner Spontaneität entständen sein.

Herzlichem Applaus des erfreulich zahlreich erschienenen Publikums folgen drei dem Alkohol gewidmete Gesänge als Zugaben, einer von Jacques Brel, ein weiterer in der holländischen Originalton der Chansonette. Das Publikum wird einbezogen, ein Glas Rotwein bereitgestellt, und die im Rausch rollenden Äuglein der Snijders lassen auf eine Fortsetzung des Abends zu einem baldigen Zeitpunkt hoffen.

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