KULTURASPEKTE - 25.08. 2019
(Alexander Brock)
Comoedia Mundi - Frankenstein im Hier und Jetzt

Comoedia Mundi ist ein Theaterensemble, das den Sommer über nicht in festen Häusern spielt, sondern mit dem eigenen Tross durch die Lande zieht, die Wagenburg errichtet und das Zelt aufschlägt. Mit dem Flair des fahrenden Volkes zieht die Truppe den Besuchern schon beim ersten Anblick in den Bann.

Theater im Zelt- Flair pur

Ein ganz eigenes Flair tut sich dort auf. Das Cafe im Zirkuswagen, das blaue Zelt auf der Wiese und die Nähe zu den Darstellern, die bewußt so gewollt ist. Wozu auch eine große Maschinerie an Mitarbeitern, wenn es doch gemütlicher und direkt geht. Ein Gefühl von Persönlichkeit kommt auf, von "Große Familie" und von "nur für Euch, liebe Besucher, spielen wir". Mit einem wohligen Gefühl kommt es einem schon vom ersten Moment an so vor, als wäre man Teil des Ganzen.

Frankenstein- altbekannt, doch neu erzählt

"Frankenstein" von Mary Shelley. Mehr muß man zur Geschichte gar nicht sagen. Unzählige Verfilmungen, Theaterproduktionen, Ballette, Bücher, Comics ... Die Geschichte geistert schon für sehr lange Zeit durch die Gesellschaft. Eine Geschichte, die schon x-mal erzählt wurde, aber vielleicht noch nicht auf diese Art und Weise, wie es Comoedia Mundi getan hat. Für den aufmerksamen Betrachter war da mehr als "nur" die Geschichte von Frankenstein, die von Loes Snijders fabelhaft inszeniert (und auch gespielt) wurde. Da war mehr als die simple Story vom Wissenschaftler, der ein Monster erschaffen hat, das nun sein Unwesen treibt. Daneben waren noch zwei weitere Aspekte. Zum Einen der ständige mahnenden Zeigefinger, dass jeder "nur" die Summe seiner Erfahrungen ist. Und zum Anderen, dass auch geschriebene Worte mehr beeinflussen können, als wir meinen und mitunter sogar ein Eigenleben entwickeln können.

Die Summe der Erfahrungen

Die Kreatur Frankensteins wurde als prinzipiell gut dargestellt. Ein Wesen, daß nicht gefragt wurde, ob es existieren möchte, sich aber nun mit diesem Umstand arrangieren muß. Es versucht, seinen Weg in der Welt zu finden - so wie wir es alle tun- und trifft dabei meist auf einige der negativen Seiten der Menschheit: Hass (ohne jemanden überhaupt zu kennen), oberflächliche Beurteilung (nur nach dem Aussehen, Religion, Sprache ... ), Ablehnung des Andersartigen (weil wir zu träge sind, um Anderes erst einmal zu verstehen) und Gewalt (weil wir meinen, dies sei der einzige Weg). Diese Begegnung prägen es. Die Begegnung mit dem Blinden dagegen, der die Kreatur nicht verurteilt und auch nicht beurteilt, zeigt ihm die positiven Seiten auf. Seiten wie Bildung, Geduld, Vernunft, Überlegtheit und Hilfsbereitschaft. Damit lernt die Kreatur auch die freie Entscheidung über "Gut sein" oder "Böse sein". Sie hat die damit die Wahl. Am Schluß entscheidet er sich für das Böse, obwohl das nicht seiner eigentlichen Natur entspricht. Und das nur aus dem einzigen Grund, weil er selbst mehrvom Bösen als von dem Guten erfahren hat.

Die Botschaft, die Comoedia Mundi in unsere Welt tragen will, lautet also: Wir erschaffen die Monster durch unser schlechtes Vorbild, durch unsere schlechten Taten und durch unsere mangelnde Verantwortung, so wie Dr. Frankenstein die Verantwortung über sein Geschöpf abgibt. Und wann immer man diese Botschaft deutlich in der Inszenierung hervorblitzen sah, sah man auch das eine oder andere Nicken im Zelt. War die vorherige Aspekte deutlich und durchgängig, so war der zweite zwar nicht ständig sichtbar, aber dafür dann umso deutlicher.

Die Macht der Worte

ln dieser Inszenierung kam Mary Shelley auch selbst zu Wort, sie selbst trat als Schöpferin auf. Als Verantwortliche, so wie ihre Figur Dr. Viktor Frankenstein. Sie entschied, was die Figuren sagten, dachten, taten. Solange bis auch sie sich ihrer Figur, ihrer Schöpfung gegenüber sah, die sich selbstständig gemacht hatte und sich nicht mehr kontrollieren ließ. Auch hier die Botschaft: mit Worten können wir alles erschaffen, was wir wollen. Aber die Dinge können ein Eigenleben entwickeln und wir verlieren die Kontrolle darüber. Legt man das mit unserer heutigen Zeit zusammen, so läßt sich das klar auf "Fake News" und "Social Media" anwenden. Worte haben ungeheurer Macht, dessen sollte man sich immer bewußt sein. Es ist ein wahrer Geniestreich, diese Bezüge zur
heutigen Welt darzustellen, vor allem ohne, dass die Produktion politiklastig wird, wie es in der heutigen Zeit leider viel zu viele Theatern machen.

Vier Darsteller reichen aus

Bis auf Loes Snijders, die die Rolle der Kreatur verkörperte, übernahm jedes Ensemble Mitglied verschiedene Rollen, die sie auch völlig verschieden darstellten. Wäre da nicht der Programmflyer, der "nur" 4 Darstellerfür 13 Rollen auswies, hätte man meinen können, für jede Rolle einen einzelnen Darsteller zu sehen.
Wandlungsfähigkeit wird hier großgeschrieben und das merkte man auch. Loes Snijders inszenierte nicht nur diese herausragende lszenierung, sondern sie  spielte auch die Kreatur Frankensteins. Aber sie spielte sie nicht nur, sondern lebte sie förmlich. Man litt mit ihr, man freute sich mit ihr und am Schluß hatte
man sogar Verständnis für die Taten. Überzeugend, mit Herz und Seele, erweckte sie im doppelten Sinne Frankenstein zum Leben.
Großartig!

Christina Schmideder spielte einen Studenten (erheiternd), eine Marktfrau (fast nur pantomimisch: hervorragend), eine Hure (verführerisch), Felix (der Sohn des Blinden, liebenswert) und Elisabeth (die Verlobte Viktor, anrührend). Jede Rolle erfüllte sie mit Hingabe und Leidenschaft und vor allem die Rolle der
Elisabeth verkörperte sie so anrührend, daß man mit litt.
Bravo!

lken Marei Sturm gab die Autorin Mary Shelley (bravurös), einen Studenten (sehr amüsant), eine Marktfrau (hervorragend) und Agathe, die Ehefrau von Felix (wunderbar). Ihr herausragend Rolle war die der Autorin. Von der ersten Sekunde an zog sie die Besucher in ihren Bann und hielt dies auch bis zum Schluß aufrecht. Mit Leidenschaft mimte sie Shelley bis zum letzten Wort.
Fabelhaft!

Fabian Schwarz gab Viktor Frankenstein (großartig), eine Marktfrau (toll) und den Blinden (wundervoll). Ganz gleich ob Viktor Frankenstein oder der Blinder, man nahm ihm die jeweilige Rolle ab. Er stellte beide so glaubhaft dar, dass man vergaß, daß es ja eigentlich "nur" ein Theaterstück ist.
Hervorragend!

Man darf mit Fug und Recht sagen, dass die Truppe sich mit Herz und Seele dem Theater verschrieben hat. Dazu trägt vielleicht auch der kleine, intime und persönliche Rahmen bei, der sich zum Glück sehr von den großen Kommerz getriebenen Theatern unterscheidet. Hier wird Theater für das Publikum gemacht und nicht für das Geld. Und das merkt man! (obwohl, und das sei hier erwähnt, natürlich auch diese Truppe Geld braucht, mehr dazu auf den Webseiten).

Minimalismus ist Trumpf

Das Theaterzelt fasst ca. 150 Besucher. Ein kleiner Rahmenn also und perfekt für ein publikumsnahes Theaterspiel, welches man heute kaum noch findet, in den Zeiten der umherziehenden Theatern aber Gang und Gebe war. Das Bühnenbild war weit weg von überladen und dennoch besser als jede andere Maschinerie. Gerade einmal13 Seile, eine Schaukelbank und ein Tuch waren nötig, um auf der Bühne (Fabian Schwarz) alles entstehen zu lassen, was man gerade braucht: einen Wald, ein Fenster, ein Garten, ein Labor ... Das zeugt von Einfallsreichtum und von dem Selbstvertrauen in das eigene Können. Denn hier konnte sich niemand in grandiosen Kulissen verstecken, hier war der Schauspieler immer im Fokus. Und so sollte Theater sein. Bühnenbild ist ja schön und gut, aber das Spiel ist das, was ein Stück ausmacht. Comoedia Mundi hat das hiermit allen Regeln der Kunst bewiesen. Gleiches gilt auch für die Kostüme {K-M I Camille
Schwarz), die zeitgemäß und passend waren. Opulente Kleiderfand man kaum und hätten auch nicht in den Rahmen gepasst. Wohltuend!
Auch die übrige Technik (Jesse Lewis) bediente sich des wohltuenden Minimalimus. Ein wenig Musik, Licht und Soundeffekte (Robert Stephan und Fabian Schwarz). Gerade so viel, dass es dem Stück dienlich war. Und das war genau die richtige Dosis. Keine Ablenkung durch visuelle Effekte, sondern nur Akzente, die den Blick der Zuschauer auf das Geschehen lenkten. Mehr war nicht nötig...

Fazit

Ein Besuch im Theaterzelt zu "Frankenstein" (oder auch eine der anderen Produktion) lohnt sich auf jeden Fall! Vor allem für all diejenigen, die mal Abstand von den überladenen, kommerzlastigen und anonymen Guckkastenbühnen brauchen. Vor oder nach dem Stück sollte man sich vielleicht noch etwas im Cafe gönnen und den Abend einfach geniesen, in einem ganzeigenen Flair. Und Alles in Allem:
Grandios!

 

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Nachricht vom 05.11.2019

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